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Sprachentwicklung
Die Phasen der sprachlichen Entwicklung bis zum 6. Lebensjahr

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Die Links bei den genannten Sprachstörungen weisen auf meine Seite zum Prüfungswissen Sprachstörungen. Möglicherweise sind die dort zu findenden Erläuterungen auch für Leser dieser Seite interessant.

zur Tabelle Entwicklungsübersicht in allen Bereichen  

Seite 1: vorsprachliche Entwicklung

 

 

Seite 2: sprachliche Entwicklung

 

  1 bis 1,5 Jahre

Ähnlich, wie das Kind "Mama" und "Papa" gelernt hat, indem seine Eltern seinen Lallmonologen eine Bedeutung verliehen, lernt das Kind bis zum 18. Monat ca. 2-10 weitere Wörter. Diese beziehen sich ausschließlich auf sichtbare und konkrete Dinge aus seiner Umgebung und sind oft in einer speziellen "Kindersprache" gesprochen (wie "Mimi" für Milch oder "wauwau" für Hund). Außerdem macht das Kind häufig Benennungsfehler, indem es Bedeutungen von Begriffen entweder zu weit ausdehnt ("wauwau" ist dann z.B. nicht nur der Hund, sondern auch das Pferd und die Kuh) oder zu sehr einengt ("Auto" ist nur das Spielzeugauto, das man in die Hand nehmen kann, nicht aber das große, in dem man mit Mama fährt). Das ist ganz normal und liegt daran, dass das Kind eben bisher nur wenige Wörter kennt.
Es versteht jetzt aber schon ganz gut, indem es die
Schlüsselwortstrategie anwendet und auch die Mimik und Gestik der Sprecher deutet. Auf diese Weise versteht es Verbote ("Fass die Blume nicht an!", obwohl es vielleicht das Wort "Blume" nicht kennt, weiß es, was gemeint ist, wenn Papa auf die Pflanze deutet), einfache Fragen ("Wo ist...?") und kann kleine Aufträge erfüllen ("Hol mir...").
Für all die neuen Wörter, die es lernt, muss es die einzelnen
Laute neu erwerben, die es zuvor ja willkürlich aneinandergereiht hat, während es sie jetzt gezielt an bestimmten Positionen im Wort artikulieren muss. Zuerst erwirbt es neben den Vokalen die Lippenlaute, nämlich m, n, p, b.
Wenn das Kind sich sprachlich äußert, benutzt es so genannte
Ein-Wort-Äußerungen. Ein einziges Wort kann für einen ganzen Satz stehen, den es natürlich noch nicht bilden kann. So kann "Tür" je nach Kontext, Stimmklang und Satzmelodie bedeuten: "Das ist eine Tür.", "Mama, mach bitte die Tür auf!" oder "Ist Papa durch die Tür weggegangen?" usw.

 

Das Kind nutzt hierbei fast nur Substantive, wenige Verben als ganzes Wort ("Haben!") und ungeformt, ansonsten "das" als Zeigepronomen und evtl. "meins". Es kommen in der Regel keine Adjektive, Artikel, Konjunktionen und Präpositionen unter diesen ersten 10 Wörtern des Kindes vor.

  • Wenn man verstanden hat, was das Kind mit seiner Ein-Wort-Äußerung sagen will, kann man es in einen korrekten kleinen Satz verpackt wiederholen. Das Kind lernt so, immer mehr Wörter zu kombinieren
    ("Ball!" - "Du willst den Ball? Warte, ich hole ihn dir.... Hier hast du den Ball."); außerdem merkt es, dass ihm zugehört wird und seine Kommunikationsversuche Erfolg haben. Das ist sehr wichtig für die weitere Sprechfreude.
  • Wenn das Kind bis zum 18.Lebensmonat seine Lautäußerungen nicht weiterentwickelt und nicht mindestens 2 sinntragende Wörter verwendet (dazu zählt auch, wenn das Kind z.B. seine Schlafdecke immer als "bubu" bezeichnet) oder es einfache Aufforderungen wie "Hol den Teddy vom Tisch!" nicht versteht bzw. Gegenstände auf Anfrage nicht zeigen kann ("Wo ist das Auto?"), verzögert sich möglicherweise die Sprachentwicklung des Kindes. Um sicher zu sein und Hinweise zur Förderung zu erhalten, sollte man sich in einem solchen Fall an einen Kinderarzt oder Logopäden wenden.

  

  1,5 bis 2 Jahre

Sobald das Kind etwa 50 Wörter spricht, erfolgt die "Wortschatzexplosion": das Kind lernt von jetzt an sehr viel schneller neue Wörter, so dass es innerhalb von wenigen Monaten einen Wortschatz von ca. 200 Wörtern hat.
Weil ihm nun mehr Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stehen, kann es
zwei Wörter zu einer Art Satz aneinanderreihen, um sich mitzuteilen. Die Verben und Adjektive, die es jetzt neben vielen Substantiven benutzt, sind weiterhin ungeformt. Zusätzlich lernt es einige Possessivpronomen ("mein", "dein") und kann die Mehrzahl mit Hilfe des Plural-s ausdrücken.
Sein Sprachverständnis ist seiner aktiven Sprache nun bereits weit voraus.
Die gezielte
Artikulation der Laute w, f, t, d, l, h kommt hinzu. Insgesamt spricht das Kind aber noch recht undeutlich und wird u.U. nur von seinen Bezugspersonen verstanden, da es viele Wörter auch stark vereinfacht ausspricht (z.B. "Nane" statt Banane, "Lade" statt Schokolade, "Piepa" statt Spielplatz).
Ansonsten befindet sich das Kind jetzt im
ersten Fragealter. Es will alles in seiner Umgebung kennenlernen und vor allem alle Bezeichnungen der Dinge wissen. Es fragt noch nicht mit den Fragepronomen, sondern nutzt die Satzmelodie ("Das da?").

 

  • Jetzt kann man verstärkt Adjektive benutzen, um die Eigenschaften von Gegenständen zu beschreiben. Das Kind wird sie schnell in seinen Wortschatz aufnehmen, wenn sie direkt aus seinem unmittelbaren Lebensumkreis stammen (heiße Milch, liebes Mädchen, schöne Puppe...).
  • Gebraucht das Kind am Ende des 2.Lebensjahres nur wenige, unverständliche Lautgebilde, statt mindestens 10 Wörter zu sprechen, liegt der Verdacht nahe, dass das Kind an einer Sprachentwicklungsverzögerung oder -Störung leidet. Evtl. ist aber auch lediglich der Wortschatz eingeschränkt, und die anderen Bereiche der Sprachentwicklung (Grammatik, Artikulation, Sprachverständnis) werden sich annähernd normal entwickeln. Zur Abklärung auf jeden Fall Rat suchen!

 

   2 bis 2,5 Jahre

In diesem Alter weitet das Kind seine Satzkonstruktionen auf  ungeformte Mehrwortsätze aus, d.h., es wendet zwar noch kaum Regeln des Satzbaus an, reiht aber mehr als 2 Wörter aneinander. Es hat nun aber bemerkt, dass bestimmte Wörter im Satz angepasst verwendet werden. Es sagt z.B. nicht  "groß Hund", sondern "großes Hund", was natürlich noch immer nicht richtig ist, aber verdeutlicht, dass das Kind beginnt, sprachliche Regeln wahrzunehmen. Ebenso versucht es, das Partizip zu bilden ("ich geslaft").
Manche Kinder können von sich schon als
"Ich" sprechen, andere verwenden immerhin ihren Vornamen, wenn sie über sich selbst sprechen.
Der Wortschatz des Kindes wächst weiterhin schnell und es kommt zu
Wortneuschöpfungen, wenn das Kind ein Wort nicht kennt und sich ein eigenes, meist durchaus sinnvolles, dafür ausdenkt ("Eierbrate" für Pfanne, "Blumengieße" für Gießkanne).

 

Das Sprachverständnis des Kindes ist soweit entwickelt, dass es das meiste auf seinem Niveau Gesprochene verstehen kann, u.a. auch Präpositionen.
Die Rachenlaute k, g, ch, r sind die letzten einzelnen Laute, die das Kind erwerben muss. Es spricht nun relativ deutlich. Schwierigkeiten hat es besonders noch mit Anlautverbindungen wie kr oder tr. 
Der Erwerb der
Fragepronomen wie "was" oder "wo" leitet über in die nächste Entwicklungsphase.

 

   2,5 bis 3 Jahre

Mit dem Erwerb der Fragewörter kommt das Kind in das zweite Fragealter. Durch ständiges Fragen über seine Umgebung, seine Erlebnisse und die Gründe für Handlungen erweitert das Kind sein Wissen enorm, womit natürlich auch ein Anwachsen des Wortschatzes verbunden ist.
Sein
Sprachverständnis  ist jetzt nicht mehr wesentlich eingeschränkt, es hat höchstens noch Schwierigkeiten mit feineren Abstufungen wie "klein", "kleiner" und mit komplexen Sätzen.
Seine Aussprache auch von Anlautverbindungen wird zunehmend besser und das Kind ist nun auch für Fremde gut verständlich. Schwierig bleiben
Verbindungen aus 3 Konsonanten wie "Pfl" in Pflaume. Auch die Zischlaute (s, sch, ch) werden oft noch falsch gebildet, was aber als normal zu bezeichnen ist.
Das Kind kann jetzt erste
komplette Sätze nach dem Muster Subjekt-Prädikat-Objekt bilden und konjugiert auch die meisten Verben und dekliniert Adjektive korrekt. Natürlich sind aber Fehler in diesem Alter noch ganz normal. 
Möglicherweise fällt Eltern auf, dass das Kind früher schon einmal korrekt z.B. "gegangen" gesagt hat, während es jetzt plötzlich wieder "gegeht" sagt. Dies ist kein Rückschritt, sondern im Gegenteil ein Fortschritt, denn es zeigt, dass das Kind die Regeln der Sprache abgeleitet hat und beginnt, sie konsequent zu verwenden.
Die Ausnahmen der Regeln muss es hingegen erst noch lernen. Zuvor hatte es also das Wort "gegangen" als Ganzes erworben, während es jetzt das Partizip aus dem Wort "gehen" eigenständig bilden will. Es weiß noch nicht, dass es sich um ein unregelmäßiges Verb handelt.

 

Des weiteren kombiniert das Kind erste Nebensätze mit Hauptsätzen mit Hilfe der Konjugationen "und", "aber", "oder", benutzt einige Präpositionen ("auf", "unter") richtig und baut Fragen richtig auf. 

  • Wenn das Kind mit 3 Jahren noch immer keine Wörter bildet und stattdessen immer wieder dieselben, unverständlichen Lautgebilde benutzt, ist die Sprachentwicklung ausgeblieben (Alalie). In diesem Fall muss spätestens jetzt logopädische Abklärung erfolgen!
  • Wenn die Lautbildung des Kindes mit 3 Jahren noch bei vielen Lauten gestört ist, die es eigentlich schon erworben haben sollte (z.B. m, p, n, b) könnte eine Lautbildungsstörung entweder isoliert oder im Rahmen einer Sprachentwicklungsverzögerung vorliegen. Als normal hingegen ist es zu bewerten, wenn das Kind lediglich Konsonantenverbindungen am Wortanfang wie kr, tr oder pfl nicht korrekt bilden kann oder es noch lispelt.
  • Wenn das Kind noch keine Ansätze über Zwei-Wort-Äußerungen hinaus zeigt, ist möglicherweise die Ausbildung des grammatischen Regelsystem bei ihm verzögert.
  • Ansonsten sollte bei andauernd näselndem Stimmklang oder überwiegend heiser klingender Stimme ein Facharzt aufgesucht werden.

 

   3 bis 3,5 Jahre

Das Fragealter und der schnelle Wissenserwerb setzen sich fort und der Wortschatz des Kindes wächst stark. Es kann zum altersgemäßen Stottern kommen, weil das Kind noch mehr Zeit zur Planung des Satzbaus benötigt, als es sich selbst zum Sprechen geben will. Solange diese Sprechunflüssigkeiten nicht länger als ein halbes Jahr andauern und bestimmte Merkmale nicht vorkommen (vgl. hier), sind sie als normale Vorkommnisse der Sprachentwicklung anzusehen und sollten nicht überbewertet werden.

 

Das Lautsystem des Kindes ist jetzt komplett. Falls es nur noch Probleme bei Anlautverbindungen oder den Zischlauten hat, besteht meistens noch kein Grund für eine logopädische Behandlung.
Der
Satzbau des Kindes wird auch bei komplexeren nebengeordneten Sätzen korrekter. Des weiteren hat das Kind inzwischen eine gewisse Vorstellung von Zeit (gestern, heute, gleich, morgen) und will diese auch grammatikalisch mit Hilfe der Zeitformen ausdrücken, was ihm aber noch nicht zuverlässig gelingt.

 

   4 bis 6 Jahre

Am Ende dieses Zeitraums ist die Sprachentwicklung des Kindes im wesentlichen abgeschlossen. Es spricht also fließend, erzählt gerne und viel, kann telefonieren, von seinen Erlebnissen zusammenhängend und variierend berichten und Gehörtes nacherzählen. Es versteht alles Gesprochene aus seinem Lebensbereich, insgesamt etwa 23000 Wörter. Selbst benutzen kann es mit 4 Jahren ca. 1500, mit 6 Jahren bereits 5000 Wörter. Der Wortschatz entwickelt sich auch weiterhin.
Das Kind kann nun in komplexen Sätzen sprechen, die Zeitformen verwenden und auch über abstrakte Zusammenhänge reden.
Mit ca. 6 Jahren spricht das Kind
grammatikalisch fehlerfrei. Einige grammatische Formen, wie etwa das Passiv ("Das Auto wurde gestohlen."), werden erst zwischen dem 7. und 9. Lebensjahr erworben.
Mit der Einschulung soll das Kind
alle Laute und Lautverbindungen einschließlich der Zischlaute richtig verwenden können. Falls das Kind jetzt noch Schwierigkeiten mit dem s, sch oder ch hat (Zischlautstörung, sog. Lispeln), sollte es logopädisch behandelt werden.

 

 

Literatur:
Gopnik, A., Kuhl, P. & Meltzoff, A.: Forschergeist in Windeln. Wie Ihr Kind die Welt begreift. – München 2003.
Wendlandt, W.: Sprachstörungen im Kindesalter. – Stuttgart 2000.

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